
صباحا 05.03.2026 gingen mehr als 700 Menschen zum zweiten Schulstreik gegen die Wehrpflicht auf die Straße. Bereits am 05.12.2025 streikten in Kassel mehr als 1200 Menschen gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht, bundesweit waren mehr als 55.000 Schüler:innen auf der Straße.
Wir haben in der Vorbereitung auf den zweiten Streik mit Nora und Karla gesprochen, die Teil des Kasseler Schulstreik-Bündnisses sind. Die beiden gehen in die 11. Klasse an zwei verschiedene Kasseler Gymnasien. Sie erzählen von der Kraft des ersten Streiks, ihrer Beteiligung und der Stimmung an den Kasseler Schulen.
Wie war euer erster Schulstreik für euch?
كارلا: Aufregend, vor allem die Phasen davor mit der Mobilisierung. Ich habe vor allem Flyer verteilt und auch Gespräche geführt auf dem Königsplatz. Vor dem ersten Streik hatten wir sogar ein eigenes Streikkomitee bei uns an der Schule. Auf der Demo im Dezember selbst habe ich dann in Anführungszeichen nur Awareness gemacht und bin jetzt wieder voll in der Vorbereitung drin.
نورا: Ich konnte beim letzten Streik leider nicht dabei sein, aber habe aus der Ferne per Social Media mitgefiebert.
Wie wird das Thema Wehrpflicht denn bei euch an der Schule diskutiert? Ist das auch jenseits des Streiks ein Thema?
نورا: Bei den meisten Schülern bei uns kommt das Thema nicht wirklich im Alltagsgespräch auf. In Fächern wie PoWi wird es zwar behandelt. Aber ich glaube, man muss sich trotzdem etwas intensiver mit Politik auseinandersetzen, um eine Haltung zur Wehrpflicht zu haben und die Wiedereinführung zu verstehen.
كارلا: Bei mir ist es tatsächlich ganz anders. Ich bin an einer Schule, die ein reines Oberstufengymnasium ist, was bedeutet, dass wir relativ politisch geprägt sind. In den persönlichen Gesprächen merke ich, dass viele junge Menschen sich fragen, warum sie in den Krieg ziehen sollten. Sie machen sich Sorgen über die Situation im Krieg, aber treten nicht wirklich in Aktion.
Wie haben eure Lehrkräfte auf den Streik reagiert? Gab es Unterstützung oder Gegenwind?
كارلا: Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Mein Tutor zum Beispiel ermutigte uns sogar, zum Streik zu gehen. Unser Direktor dagegen hat versucht das zu verhindern. Eine Freundin von mir hatte eine Durchsage gemacht, um auf den Streik aufmerksam zu machen. Daraufhin gab es eine zweite Durchsage vom Direktor und er hat uns mit unentschuldigten Fehlstunden gedroht. Das ist etwas, was auch viele Schüler abschreckt. Aber Freund:innen habe mir dann erzählt, dass es am Ende keine negativen Konsequenzen hatte.

Wie erlebt ihr sonst die Haltung zur Wehrpflicht und zur Aufrüstung in eurem Umfeld? Zum Beispiel bei euch in der Familie?
كارلا: In meinem familiären und sozialen Umfeld gibt es oft Unverständnis für unsere Haltung. Viele Menschen denken die Wehrpflicht sei wegen Russland notwendig und fragen sich, warum wir dagegen streiken. Ich versuche dann, Argumente zu bringen, dass die Gefahren, die von Russland ausgehen, nicht so einfach zu verallgemeinern sind. Allerdings ist es schwierig z.B. auf die eigenen Eltern einzuwirken, die täglich die Nachrichten sehen und sich immer im gleichen Umfeld mit denselben Meinungen bewegen.
War die Bundeswehr schon mal an eurer Schule?
كارلا: و, vor einigen Wochen war die Bundeswehr zur Berufsorientierung in den Kasseler Gymnasien. Das Streikkomitee an unserer Schule hat eine Aktion dagegen geplant, ليعرض, dass wir Werbung fürs Sterben nicht akzeptieren. Das Komitee hat dazu aufgerufen den Besuch zu boykottieren und wollte einen Redebeitrag halten. Dadurch war der Workshop der Bundeswehr nicht sehr erfolgreich. Aber die Bundeswehr ist halt trotzdem in unsere Schule gekommen…
نورا: … eingeladen von der Schulleitung von meiner Schule! Ein paar haben dann auch an dem Workshop teilgenommen. Ich finde, das geht halt überhaupt nicht klar. Ich habe auch überlegt, den zuständigen Lehrer darauf anzusprechen, aber ich glaube, das hätte nichts gebracht.
Habt ihr Mitschülerinnen oder Mitschüler, die zur Bundeswehr gehen wollen? Was motiviert sie dazu?
كارلا: Ich habe keine Mitschüler selber bei mir die das wollen, aber vor dem 5. Dezember habe ich mich mit Flyern auf den Königsplatz gestellt und mit verschiedenen Menschen über die Bundeswehr gesprochen. Einer sagte mir, dass er zur Bundeswehr gehen würde, aber nicht, weil er die Bundeswehr toll findet. Sondern weil er ein extremes Schuldgefühl hatte gegenüber der Gesellschaft und der Regierung, weil er das Gefühl hatte viele Privilegien durch den Staat zu bekommen. Es wird ja häufiger argumentiert, dass es so eine Verantwortung gegenüber dem Staat gibt.
Wie steht ihr zu der Argumentation, dass es eine Verantwortung gegenüber dem Staat gibt?
نورا: Ich persönlich empfinde kein Schuldgefühl oder Verantwortungsbewusstsein dem Staat gegenüber. Die Rechte, die wir haben, sollten für alle Menschen gelten und nicht nur Privileg sein. Es ist wichtiger für die Rechte aller einzustehen als das Gegenteil zu fördern.

Wie nehmt ihr die Außendarstellung und die Werbung von der Bundeswehr wahr? Wie kommt das bei euch an?
كارلا: Die Bundeswehr will uns einreden, dass man dem Staat etwas schuldet. Sie stellt sich meistens dar als wichtigen Arbeitgeber, als notwendig und stark…
نورا: Die typischen Werbebilder zeigen oft Männer, meistens blond und mit Scheitel, die in die Ferne schauen und eine klare Mission verkünden. Ein typisch männliches Bild. In den letzten anderthalb Jahren hat die Bundeswehr schon sehr intensiv Werbung gemacht mit zahlreichen Plakaten. Mittlerweile werden auch mehr Frauen gezeigt. Das Ziel scheint zu sein sich als divers und modern zu präsentieren, obwohl wir wissen, dass das nicht der Realität entspricht. Die diskriminierenden Vorfälle innerhalb der Bundeswehr belegen, dass diese Darstellung oft scheinheilig ist.
Was denkt ihr warum die Wehrpflicht gerade jetzt wieder eingeführt wird und Deutschland aufrüsten soll?
نورا: Ich denke es ist eine Anpassung an die aktuellen geopolitischen Spannungen vor allem durch die Kriege in verschiedenen Ländern. Es gibt auch die Angst, dass Deutschland betroffen sein könnte. Gleichzeitig ist es ein Akt der Kontrolle über junge Menschen, die zunehmend gegen das System aufstehen. Ich denke, dass es auch einfach ein Versuch ist uns einzuschüchtern.
كارلا: و, und außerdem profitiert Deutschland wirtschaftlich von der Militarisierung Aus den verschiedenen Kriegen, die geführt oder vielleicht noch geführt werden, kann Deutschland Profit und Einfluss ziehen.
Bei der Verabschiedung des Gesetztes zur Wehrpflicht wurde, wie ihr sagt, die Stimme der Jugend nicht gehört. Erst durch euren Schulstreik konntet ihr euch Aufmerksamkeit erkämpfen. Seht ihr weitere Themen bei denen die Jugend übergangen wird?
كارلا: Gibt es denn überhaupt ein Thema, wo die Stimme der Jugend eine Rolle spielt? Mir würde kein Beispiel einfallen, wo die Regierung oder der Staat wirklich etwas für die Jugend tun will und nicht für die eigenen Interessen.
نورا: Ich stimme Karla komplett zu. Ein weiteres Thema, bei dem die Stimmen der Jugend oft nicht gehört werden, ist der Klimaschutz. Der Klimawandel betrifft vor allem unsere Generation, während die Entscheidungsträger die Konsequenzen nicht selber tragen werden.

Was wäre eine Welt oder eine Zukunft, in der ihr älter werden wollt? Was wollt ihr mit eurer Zukunft machen?
نورا: Überall herrscht Krieg und die Interessen verschiedener Staaten werden gegeneinander ausgespielt. Wir sagen klar, dass wir nicht für den Staat, in dem wir leben, sterben wollen und keine Verantwortung gegenüber diesem Staat sehen. Für die Zukunft ist mein Ziel, das Möglichste zu tun, um die Welt ein Stück weit zu verbessern. Ich möchte an einem Punkt ansetzen, um Menschen zu helfen, die nicht die gleichen Privilegien genießen wie ich.
كارلا: Ich sehe das sehr ähnlich. Es wäre wünschenswert, dass es in der Zukunft nicht mehr so ist, dass an vielen Orten der Welt aus Wirtschaftsinteressen auf Kosten von Menschenleben gekämpft wird. Der Gedanke ist absurd, إذا كنت تعتبر, wie die Prioritäten des Staates gesetzt werden und wie viel das Leben eines Menschen wert ist. Ich hoffe, dass in der Zukunft das menschliche Leben an oberster Stelle steht, nicht die Wirtschafts- und Staatsinteressen.
Was würdet ihr Boris Pistorius sagen, wenn ihr ihm begegnet?
نورا: Ich glaube, ich würde mich einfach umdrehen und gehen.
Gibt es noch etwas, das ihr über den Streik oder das politische Engagement erzählen möchtet?
نورا: Es ist wirklich schön, politisch aktiv zu sein, aber gleichzeitig manchmal auch unglaublich anstrengend solche großen Aktionen auf die Beine zu stellen. أتمنى, dass mehr Menschen sich mit Politik auseinandersetzen und aktiv werden.
كارلا: Ich stimme dem zu. Es ist toll, sich zu engagieren und ein Ziel zu haben. Oft ist es jedoch sehr kräftezehrend, weil die Stimme der Jugend häufig nicht gehört wird. Das klingt pessimistisch, aber ich hoffe und glaube, dass durch Streiks wie diese wirklich ein massenhaftes Bewusstsein entsteht, أن الأمور لا يمكن أن تستمر على هذا النحو.
