Universität Kassel plant bereits Kooperation mit Rüstungskonzernen


Rheinmetall und KNDS sind als mögliche Partner eines neuen dualen Studiengangs vorgesehen. Während die Universität Kassel noch über eine Neufassung ihrer Zivilklausel berät, laufen die Planungen bereits. In einer Senatsklausur wurden die Unternehmen nach Angaben von Teilnehmern nicht explizit bestätigt.

Die Universität Kassel plant ein neues duales Studienangebot, für das die Rüstungskonzerne Rheinmetall und KNDS als mögliche Kooperationspartner vorgesehen sind. Das geht aus einem internen Antragspapier über das Profil eines neuen Studiengangs hervor. Nach unseren Informationen haben zudem bereits konkrete Gespräche und Planungen zum dualen Studienangebot mit einem Rüstungskonzern stattgefunden. Beschlossen ist die Kooperation bislang allerdings nicht.

Vorangetrieben wird das neue duale Studienangebot von den Leitungen der Fachbereiche Bau- und Umweltingenieurwesen, Maschinenbau, Elektrotechnik und Informatik. Das Land Hessen soll für das zukünftige Angebot eine Förderung in Höhe von 600.000 Euro im Rahmen des Förderprogramms „ProDual“ bewilligt haben. Über das Studienangebot und die möglichen Kooperationspartner muss der Senat der Universität Kassel allerdings noch abschließend entscheiden.

Brisant sind die Pläne aus den Fachbereichen vor allem aufgrund der Zivilklausel, die aktuell an der Universität zur Debatte steht. Während die Diskussion über die Änderung der Grundordnung der Hochschule noch geführt wird, laufen bereits die Planungen für einen Studiengang in Kooperation mit Rüstungskonzernen. Am 4. November 2026 soll der Senat über die Änderung der Grundordnung und die mögliche Abschaffung der Zivilklausel entscheiden.

Mögliche Partner noch nicht öffentlich benannt

In der Senatsklausur am 21. Oktober wurde bereits über den geplanten Studiengang informiert. Die möglichen Kooperationspartner Rheinmetall und KNDS wurden dabei nach Angaben von Teilnehmern nicht explizit bestätigt. Auf eine Nachfrage zu den Unternehmen sei lediglich auf die Senatssitzung nach der Entscheidung über die Zivilklausel verwiesen worden. Noch sollen keine Verträgen mit den Unternehmen geschlossen worden sein.

Die Universität hatte eine Zusammenarbeit mit Rheinmetall und dem damaligen Unternehmen Krauss-Maffei Wegmann (KMW), heute KNDS, 2023 beendet. Das duale Studienprogramm „Studium im Praxisverbund“ bestand mit Rheinmetall seit 2003 und mit KMW seit 2008. Die Universität begründete das Ende der Kooperationen damals mit ihrer Zivilklausel.

Am „Studium im Praxisverbund“ sind seitdem ausschließlich zivile Unternehmen aus der Region beteiligt. Mit Unternehmen wie B. Braun besteht eine langjährige und etablierte Kooperation im technischen und ingenieurwissenschaftlichen Bereich. Die Vermutung liegt nahe, dass der neue Studiengang maßgeblich geschaffen wird, um ein duales Studium mit den Rüstungsunternehmen zu ermöglichen. Ein Interesse an einer Kooperation für den wichtigen Kasseler Standort wurde von Rheinmetall und KNDS bereits seit geraumer Zeit angemeldet.

Welche Aufgaben die Unternehmen bei der Entwicklung des dualen Studiengangs übernehmen sollen, geht aus den bisher vorliegenden Informationen nicht hervor. Offen ist auch, wie umfangreich die praktische Ausbildung bei den Unternehmen sein soll und ob die Studiengangskoordination über die bestehenden Gremien der Fachbereiche organisiert wird.

Neufassung der Grundordnung könnte Rüstungskooperation ermöglichen

In der geplanten Neufassung der Grundordnung soll die ausdrückliche Verpflichtung entfallen, dass Forschung, Entwicklung, Lehre und Studium ausschließlich zivilen Zwecken dienen. Statt eines Bezugs auf zivile Zwecke soll sich die Universität grundsätzlich zu Demokratie und Frieden bekennen. Kritiker betonen, dass damit die Zivilklausel an der Universität praktisch abgeschafft werden würde. 

Eine erneute Kooperation mit Rüstungsunternehmen wäre mit einer Änderung der Grundordnung noch nicht beschlossen. Allerdings könnte die Neufassung eine Weichenstellung für die zukünftige Ausrichtung der Universität bilden und damit auch die Entscheidung über eine Kooperation mit Rüstungskonzernen beeinflussen.

Politischer Druck auf Universitäten steigt

Auch auf Landesebene gibt es Bestrebungen, die Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und der Rüstungsindustrie auszubauen. Wissenschaftsminister Timon Gremmels (SPD) hat sich für eine Überprüfung der Zivilklauseln ausgesprochen. Das Ministerium regte zudem an, eine Zusammenarbeit zwischen der Universität Kassel und der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) auszuloten.

Die THM kooperiert bereits mit Rheinmetall und KNDS und plant weitere duale Studienangebote in Kassel. Die Angebote stellen eine Konkurrenz für das zivile Profil der Universität dar. Mit dem neuen Angebot wollen die beteiligten Fachbereiche der Universität Kassel nun möglicherweise Studierende und damit verbundene finanzielle Mittel zurückgewinnen.

Die Universität Kassel steht wie andere Hochschulen in Hessen unter Sparzwang. Der Hessische Hochschulpakt 2026–2031 sieht für 2026 einen Konsolidierungsbeitrag von rund 30 Millionen Euro vor. Das entspricht einer Absenkung des Budgets gegenüber 2025 um 1,3 Prozent.

Was bleibt vom Profil der Universität?

Die Universität Kassel profiliert sich mit Forschung zu Nachhaltigkeit sowie gesellschaftlicher und technischer Transformation. Das Kassel Institute for Sustainability bündelt entsprechende Forschung über verschiedene Fachbereiche hinweg.

Bei einem dualen Studium mit Rheinmetall oder KNDS wäre zu klären, wie sich der Studiengang in das Nachhaltigkeitsprofil der Universität einfügt. Die Universität steht durch den zunehmenden finanziellen und politischen Druck vor grundlegenden Fragen zu ihrer Ausrichtung.

Nicht nur unter den Entscheidungsträgern, sondern in der gesamten Hochschule wird aktuell über diese Frage diskutiert. An zwei Diskussionsveranstaltungen zur Zivilklausel beteiligten sich mehrere Hundert Studierende und Beschäftigte. Bis zum 30. Oktober 2026 sind alle rund 21.000 Studierenden zur Abstimmung über den Erhalt der Zivilklausel aufgerufen. Der studentischen Urabstimmung vorausgegangen war eine Vollversammlung mit fast 800 Studierenden, die sich für den Erhalt der Zivilklausel ausgesprochen hatte.

Fünf Tage nach Ende der Urabstimmung, am 4. November 2026, könnte der Senat somit eine wegweisende Entscheidung über das zukünftige Profil der Universität treffen. Welche Rolle Rheinmetall und KNDS dabei einnehmen, ist bislang offen.

In der Senatsklausur am 21. Oktober wurde sich dagegen entschieden, die Diskussion breit zu öffnen und in einen größeren Raum zu verlegen. Die Entscheidung zur Zivilklausel wurde an den Beginn der Sitzung um 09:00 Uhr gelegt und soll für die Öffentlichkeit in das Gießhaus übertragen werden. Das Bündnis für den Erhalt der Zivilklausel hat für 8.30 Uhr zu Protesten vor dem Senatssaal aufgerufen.

Eine Anfrage an die Universität zu den Planungen und den möglichen Kooperationspartnern aus der Rüstungsindustrie blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.