12-Stunden Fahrraddemonstration für Pop-Up-Bike-Lanes


Neben der monatlich stattfindenden Critical Mass hat Kassel in den letzten Monaten mindestens drei weitere Fahrraddemonstrationen gesehen. Bei zwei Demonstrationen im Mai radelten die Teilnehmer*innen durch die Stadt, um gegen die von der Bundesregierung geplante Abwrackprämie zu demonstrieren. صباحا 19. Juni war dann das Fortbewegungsmittel der Demonstration – das Fahrrad – selbst inhaltlicher Bezugspunkt, denn es wurde für die Einrichtung sogenannter Pop–Up–Bike–Lanes in Kassel demonstriert.

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Diese temporär eingerichteten Fahrradstreifen, die angesichts der Corona-Pandemie die Schutzmaßnahnme der physischen Distanz auch für Radfahrer*innen gewährleisten soll, wurden bereits in mehreren Deutschen Städten wie Berlin, Stuttgart und Düsseldorf eingerichtet. Um einer möglichen Ansteckung mit dem Corona- Virus in vollen Bussen und Bahnen vorzubeugen, sind in vielen Städten vermehrt Menschen auf das Rad als Verkehrsmittel umgestiegen. Auf den bestehenden (oft knapp bemessenen) Radstreifen wurde es folglich eng. Für die Pop-Up-Lanes wird eine Autospur vom restlichen Fahrbahnbereich physisch abgegrenzt und so kurzzeitig eine breite Fahrradspur geschaffen.

Das Bündnis, welches zu der Demonstration aufgerufen hatte, besteht aus knapp 20 Kasseler Organisationen und Initiativen aus den Bereichen Umwelt, Verkehr, رياضة, Kultur und Gastronomie. Von ihnen wurden an zwölf Orten im Stadtgebiet Stationen organisiert, die im Stundentakt angefahren werden konnten und verschiedene Aktionen angeboten.

Ziel war also, zwölf Stunden lang durch die Stadt zu radeln und so für eine fahrradfreundliche Verkehrspolitik zu demonstrieren. Auf einer Stadtkarte, die während der Demo auf einem Lastenrad mittransportiert wurde, hatte das Bündnis 22 Kilometer mögliche Pop-Up-Lanes markiert, die als das Fahrradfahren in Kassel temporär sicherer und angenehmer machen könnten.

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Auf der Wilhelmshöher Allee auf Höhe der Straßenbahnhaltestelle „Kirchweg“ konnten Radfahrer*innen eine der Pop–Up–Lanes für drei Stunden testen. Dort hatte die Initiative ‚Radentscheid Kassel‘ einen ca. 20 Meter langen roten Teppich ausgerollt und die Verkehrspolizei den Streifen abgesichert.

Barbara Beckmann, Sprecherin des Radentscheides erklärte, man könne sehen, dass ein solcher Fahrradweg „ruck, zuck“ eingerichtet sei. Aber trotz der Dringlichkeit durch die Corona-Pandemie verschließe sich die Stadt Kassel weiterhin vor dieser verkehrspolitischen Gestaltungsmöglichkeit. Laut HNA argumentiert der Verkehrsdezernent der Stadt Dirk Stochla (SPD), er befürchte, die Pop–Up–Lanes würden die Akzeptanz der Bürger*innen für die Verkehrswende schmälern. Darüber hinaus sei eine Dringlichkeit wegen steigender Zahlen an Radfahrer*innen, wie vom Radentscheid behauptet, nicht gegeben.

Unabhängig von der Frage, wer denn nun bezüglich der steigenden oder gleichbleibenden Zahlen der Radfahrer*innen durch die Corona- Pandemie Recht hat, steht noch ein weiteres Argument für die temporären Radstreifen im Raum: Die Stadt Kassel habe sich verpflichtet, so Beckmann, إلى 2030 klimaneutral zu sein. Doch die bisherige Verkehrspolitik der Stadt zeige diesbezüglich wenig Ambitionen.

Auf die Frage, in welchem Verhältnis die Forderung nach temporären Radstreifen zu der Forderung einer langfristigen und fahrradfreundlichen Verkehrspolitik steht, antwortet Beckmann: Man müsse Pop–Up–Lanes als Verkehrsversuch verstehen, um „die Leute aufs Rad zu locken“, weil dadurch Fahrradfahren in der Stadt sicherer werde. Dies sei aber kein Ersatz für eine langfristige klimafreundliche Verkehrspolitik, für die man sich nach wie vor einsetze.

Der Radentscheid bewertet die Aktion als Erfolg. Ca. 250 Radfahrer*innen hätten die Pop–Up– Lane in größeren Gruppen oder alleine genutzt. Auf Außenstehende wirkte die Party- Stimmung zwischen Autos und Straßenbahnen auf der großen Kreuzung, mit der jede*r neu ankommende Radfahrer*in begrüßt wurde, zunächst ein wenig befremdlich – vielleicht auch, weil Fahrradfahren in Kassel doch selten ein Grund zur Freude ist. Die war dann aber doch sehr ansteckend und hatte ihren Höhepunkt in der Ankunft der 12–Stunden–Fahrraddemonstration. Diese erreichte gegen 18.30 Uhr den Kirchweg und die ca. 120 Radfahrer*innen fuhren über den roten Teppich, bevor sie sich zur nächsten Station am Holländischen Platz losmachten.

Die Unzufriedenheit der Radfahrer*innen mit der Verkehrspolitik Kassels war so an verschiedenen Orten Kassels sichtbar und gleichzeitig haben sich Radfahrer*innen an diesem Tag den Raum genommen, der ihnen zusteht. Angesichts der Verweigerung der Stadt, eine ernsthafte Fahrradpolitik zu verfolgen, grenzt es an Zynismus, dass die Stadt Kassel auf ihrer Website wirbt: „Erfahren Sie Ihre Stadt doch mal mit dem Rad. Sie tun etwas für Ihre Gesundheit und leisten gleichzeitig einen wertvollen Beitrag für die Umwelt.“