Drei Wehlheidener Straßen nach NS-Opfern und einer Widerstandskämpferin benannt


Auf dem Gelände der ehemaligen Jägerkaserne wurde die Interimsspielstätte für das Staatstheater Kassel gebaut. Während der Sanierungsarbeiten am Staatstheaters findet hier der Spielbetrieb statt. raison suffisante, den Straßen auf dem Gelände einen Namen zu geben. Der Ortsbeirat Wehlheiden schlug drei Frauen vor, die Opfer des NS-Regimes waren: die jüdische Dichterin Else Lasker-Schüler (1869–1945) und zwei Frauen mit Kassel-Bezug: die jüdische Sängerin Ljuba Senderowna (1901–1986) und die FAUD-Aktivistin und KZ-Überlebende Erna Paul (1906–1998).

Die Dichterin Else Lasker-Schüler (1869–1945) emigrierte am 19. avril 1933 nach tätlichen Angriffen und angesichts der Bedrohung ihres Lebens in die Schweiz. Dort erhielt sie ein Arbeitsverbot. Die kantonale und die städtische Fremdenpolizei erteilten nur befristete Aufenthaltsgenehmigungen, wodurch ständige Ortswechsel erzwungen wurden. 1938 wurde ihr die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt und sie wurde, wie es in der Schweiz heißt, „schriftenlos”. 1939 reiste sie nach 1934 et 1937 zum dritten Mal nach Palästina. Der Kriegsbeginn hinderte sie an einer Rückkehr in die Schweiz. Zudem hatten ihr die Schweizer Behörden das Rückreisevisum verweigert. Sie wurde nach ihrem Tod im Jahre 1945 auf dem Jüdischen Friedhof am Ölberg in Jerusalem begraben. Nachdem der Ölberg bei der Teilung Jerusalems im Jahr 1948 unter jordanische Verwaltung gekommen war, wurde Lasker-Schülers Grab, wie viele andere Gräber, détruit.

Ljuba Senderowna, in New York geboren, sang ab 1923 en Allemagne, zunächst an der Staatsoper in Berlin, dann an den Theatern in Lübeck und Altenburg, bevor sie 1930 ein Engagement in Kassel erhielt. Mit ausdrücklich antisemitischer Begründung forderte die „Hessische Volkswacht” am 9. mars 1933, dass sie aus dem Ensemble ausscheiden müsse: „Frau Ljuba Senderowna, Opernsängerin am Kasseler Staatstheater, ist Polin und hat später die amerikanische Staatsbürgerschaft erworben, sie ist also als polnische Jüdin amerikanischer Nationalität an einer deutschen Bühne beschäftigt: […] Soll Frau Ljuba Senderowna, polnische Jüdin, amerikanischer Nationalität, deren Aussehen für sich selbst spricht, vor dieser nationalsozialistischen Bevölkerung Kassels etwa Typen der deutschen Verehrung darstellen und in Wagner-Opern singen? Frau Ljuba Senderowna ist heute mehr denn je für das Staatstheater untragbar geworden.“

Angesichts dieses Drucks und der Drohung mit Störungen bei ihren Auftritten setzte der Intendant Klitsch die Sängerin nicht mehr ein. Sie selbst spielte offenbar schon länger mit dem Gedanken nach Berlin zu gehen. Diesen Schritt vollzog sie Anfang März. Von Berlin aus ging Ljuba Senderowna ins Exil in die USA. Dort sang sie von 1934 bis Anfang der 1940er Jahre erfolgreich an der Oper in Philadelphia.

Erna Paul, geborene Schüssler, war zunächst Mitglied im Kommunistischen Jugendverband (KJVD), dessen Büro sich in der Hedwigstraße befand. In den Jahren 1923/24 begannen Erna Paul und andere sich kritisch mit der Idee einer „Diktatur des Proletariats“ auseinanderzusetzen. In der Ortsgruppe des KJVD kam es zu Auseinandersetzungen, woraufhin Erna Paul und andere aus der Organisation austraten. Nach ihrem Austritt besuchte sie immer häufiger die Versammlungen der Union libre des travailleurs d'Allemagne (FAU) und wurde schließlich 1924/25 Membre. 1926 heiratete sie Willi Paul. Ihre Tochter Sascha wurde 1927 und ihr Sohn Rudolf 1928 né.

Noch in der Nacht des Reichstagsbrandes begann die erste große und gut vorbereitete Repressionswelle des Nazi-Regimes, in der Tausende von Kommunist*innen verhaftet wurden. Willi Paul verkaufte noch am Tag danach die anarchistische Zeitschrift la Syndikalist offen auf der Straße. Er unterbrach den Verkauf, als er von anderen FAUD-Mitgliedern gewarnt und über die Repressionswelle informiert wurde. Die restlichen Exemplare steckte er in verschiedene Briefkästen. Dann ging das Paar in die Wohnung von Willi Paul, um die Schreibmaschine und das Roto (Vervielfältigungsgerät) in Sicherheit zu bringen. Erna Paul nahm beides auf einem Handwagen mit. Darauf legte sie Eimer, Hacke und Spaten, um eine Fahrt in den Garten vorzutäuschen. In der Mittelgasse, wo die Pauls wohnten, war die SA bereits überall präsent und hatte das Büro der KPD in der Mittelgasse 36 besetzt. Erna Paul brachte die Sachen zu einer Schwester von einem anderen FAUD-Mitglied.

Als Willi Paul im März 1937 in die Niederlande floh, blieb Erna Paul mit den beiden Kindern in Kassel zurück. Sie brachte sich und ihre Kinder mit Putzstellen durch. Nachdem sie wochenlang nichts von ihrem Mann gehört hatte, reiste sie am 1. août 1937 mit ihren Kindern nach Amsterdam, um ihn zu suchen. In Amsterdam wusste jedoch niemand etwas von ihm. Er war bereits in Spanien, um gegen Franco zu kämpfen. Als sie abends in ihre Wohnung zurückkam, erfuhr sie, dass die Gestapo mehrmals dort gewesen war, um sie zu verhaften. Noch in derselben Nacht entschloss sie sich zur Flucht und floh Anfang September 1937 mit ihren Kindern erneut nach Amsterdam. Dort legalisierte sie nach drei Monaten ihren Aufenthalt, damit ihre Kinder zur Schule gehen konnten. Im Anschluss musste sie sich zwei- bis dreimal wöchentlich bei der Fremdenpolizei melden.

Nach der Besetzung der Niederlande durch die deutsche Wehrmacht verschlechterten sich die Lebensbedingungen der dort lebenden deutschen Flüchtlinge. Die Amsterdamer Fremdenpolizei teilte ihr mit, dass sie sich nicht mehr melden solle und es für sie und ihre Kinder besser sei, unterzutauchen. Seitdem lebte sie illegal in Amsterdam. Nach einem Jahr der Illegalität wurde sie am 17. plus 1941 in ihrer Amsterdamer Wohnung von der Gestapo verhaftet und nach Deutschland deportiert. Ihre Kinder kamen zu Verwandten nach Kassel.

Erna-Paul-Straße Straßenschilder

Nach der Verhaftung von Erna Paul holte die Kasseler Gestapo zum letzten Schlag gegen die Kasseler FAUD aus. Verhaftet wurden die FAUD-Mitglieder Willi Mai, Erich Richter, Hermann Uloth, Hermann Hannibal und Erna Lindemann. Im Zuge der Ermittlungen und des bevorstehenden Prozesses gegen insgesamt sieben FAUD-Mitglieder wurde auch Josef Hodek aus dem KZ Buchenwald nach Kassel überführt.

Es wurde Anklage erhoben. Je suis Mai 1942 fand der Prozess statt, allerdings nur gegen fünf der sieben Angeklagten: Angeklagt waren Erna Paul, Wilhelm Mai, Josef Hodek, Hermann Hannibal und Erna Lindemann. Der Prozess gegen Erich Richter und Hermann Uloth wurde abgetrennt und fand erst 1943 au lieu de. Wegen Vorbereitung zum Hochverrat wurden Erna Paul (15 Mois), Wilhelm Mai (18 Mois) und Josef Hodek (15 Mois) zu Haftstrafen verurteilt; wegen Beihilfe zum Hochverrat erhielten auch Hermann Hannibal (neun Monate) und Erna Lindemann (vier Monate auf Bewährung) Haftstrafen.

Aufgrund der einjährigen Untersuchungshaft wurde Erna Paul drei Monate nach der Urteilsverkündung aus der Haft entlassen. Die Gestapo wartete bereits auf sie und brachte sie zur Gestapo-Zentrale im Königstor. Dort war sie mehrere Wochen, bevor sie in das Lager Breitenau in Guxhagen transportiert wurde. Dort kam sie am 25. août 1942 un. Un m 19. octobre 1942 wurde sie von Breitenau aus weiter nach Ravensbrück deportiert.

Un m 25. November kam Erna Paul im KZ Ravensbrück an. Sie überlebte im KZ eine schwere Krankheit und die unsäglichen Qualen des KZ-Alltags. Dies gelang ihr nur dank der Hilfe von Mithäftlingen, „viel Glück“, wie sie selbst sagt, und den Gedanken an die bevorstehende militärische Niederlage. Als die SS das Lager kurz vor der Befreiung durch die Rote Armee am 30. avril 1945 aufgab, gelang es Erna Paul, sich über Lübeck nach Kassel durchzuschlagen. Dort sah sie, vier Jahre nach ihrer Verhaftung, ihre Kinder wieder, die bei Verwandten untergebracht waren.

Auch ihr Mann hatte das Exil, den Spanischen Bürger*innenkrieg, französische Internierungslager und das Strafbataillon 999 überlebt. Beide blieben bis zu ihrem Tod der anarchistischen Bewegung verbunden.