Fleischkonzern Plukon: Industrielle Ausbeutung vor den Toren Kassels


Der Fleischkonzern Plukon betreibt in Gudensberg, knapp 20 km südwestlich von Kassel, Hessens größten Geflügelschlachthof. Dort werden etwa 130.000 Hühner pro Tag geschlachtet. Plukon ist mit insgesamt über 425 Millionen getöteten Hühnern jährlich der zweitgrößte Hühnerfleischkonzern der EU – und damit ein zentraler Player der globalen Tierindustrie. Ein Bericht über die Schlachtfabrik und den Widerstand vor Ort.

Ein Gastbeitrag von Flo Schumacher

Der Geflügelschlachthof in Gudensberg (Quelle: Alf Dickhaut)

Die Fleischindustrie ist regelmäßig mit Negativ-Schlagzeilen in der Presse. 2020 waren es vor allem die prekären Arbeitsbedingungen von Fleischarbeiter*innen, 2019 unter anderem die Rolle von Futtermittelimporten bei den anhaltenden Bränden im Amazonas, und immer wieder entrüstend erschreckende Bilder von Tierleid. In der Regionalpresse wird sich hingegen wenig mit der hier vor Ort ansässigen Fleischindustrie befasst. In Gudensberg im Schwalm-Eder-Kreis, knapp 20 Kilometer südwestlich von Kassel, betreibt der Konzern „Plukon Food Group“ Hessens größten Geflügelschlachthof.

Die Plukon Food Group

Die Plukon Food Group ist ein internationaler Geflügelkonzern mit Sitz in den Niederlanden. Mit einer Schlachtmenge von 426,4 Millionen Hühnern im Jahr 2019 ist Plukon der zweitgrößte Hühnerfleischverarbeiter der EU, im globalen Vergleich belegt er Platz 16. Der Umsatz des Fleischkonzerns betrug 2019 1,8 Milliarden Euro. Gegenüber dem Jahr 2016 stieg der Umsatz um knapp 30%, gegenüber 2010 gar um über 140%.

Angesichts dieser Marktstellung wird ersichtlich, dass Plukon eine zentrale Rolle in der europäischen Fleischindustrie einnimmt. Regelmäßig wird Plukon explizit mit den vielfältigen schädlichen Auswirkungen, für die die Branche bekannt ist, in Verbindung gebracht. Beispielsweise hat die “NGO Germanwatch” dargelegt, wie Plukon und die anderen vier größten deutschen Geflügelfleischproduzenten Menschenrechtsverstöße im globalen Süden mitverantworten: Sojaanbau für Futtermittel führe vielfach zu Landvertreibungen und zu giftigem Pestizideinsatz in Südamerika, Exporte von Geflügelteilen aus der EU bedrohten in Westafrika das wirtschaftliche Überleben einheimischer Produzenten und gefährdeten ihre Lebensgrundlage.

Ebenfalls in einer Studie von Germanwatch wurde nachgewiesen, dass jedes dritte Hähnchen von Plukon mit antibiotikaresistenten Krankheitserregern belastet ist, die zu schweren Infektionen bei Menschen führen können. Filmmaterialien aus Mastanlagen, die die Schlachthöfe beliefern, belegen katastrophale darüber hinaus Haltungsbedingungen.

Plukon in Nordhessen

Von den 27 Niederlassungen des Konzerns in verschiedenen EU-Mitgliedsstaaten liegt ein Standort hier im nordhessischen Schwalm-Eder-Kreis: In Gudensberg betreibt Plukon die größte Geflügelschlachtfabrik Hessens.

Erst kürzlich war der Schlachthof aufgrund aktueller Arbeitskämpfe in der Öffentlichkeit: Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (kurz NGG) führt Tarifverhandlungen mit den Fleischkonzernen und vertritt dabei auch Arbeiter*innen des Gudensberger Schlachthofs. Am 17. April fand eine Kundgebung auf dem Gudensberger Marktplatz statt, an der neben 100 Arbeiter*innen auch eine Reihe von gewerkschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Gruppierungen teilnahmen.

NGG-Kundgebung am 17. April 2021 in Gudensberg (Quelle: Privat)

Dabei sind miserable Arbeitsbedingungen kein junges Phänomen in Gudensberg. Andreas Kampmann, Geschäftsführer der NGG Region Nord- und Mittelhessen, führte in einer Rede aus, dass bereits eine Reihe von Fleisch-Unternehmen in Gudensberg trotz schlechter Bezahlung der Arbeiter*innen aufgeben mussten: „Die Geflügelschlachterei hat schon viele Besitzer gehabt: […] Wir haben Köcher gehabt, wir haben Menzefricke gehabt, wir haben Stolle gehabt, und jetzt haben wir Plukon. Und egal wer der Besitzer war: schlechte, niedrige Löhne haben nicht geschützt, dass der Betrieb geschlossen wurde.“

Die Geflügelindustrie vor Ort etablierte der Gudensberger Gerhard Köcher: In den 1970er-Jahren baute er einen Putenfleischbetrieb auf. 1975 entstand in unmittelbarer Nähe zum heutigen Schlachthof ein industrieller Komplex, 1992 machte Köcher dann einen Umsatz von bis zu 32 Millionen DM. Danach ging es aber wirtschaftlich bergab. Nach seiner Insolvenz 2000 baute das Geflügelunternehmen Stolle den Standort aus, bis im Jahr 2012 der Schlachthof an den jetzigen Besitzer überging: Plukon.

Der Konzern entwickelte den Standort seitdem stetig weiter. 2014 kam es im Rahmen einer Schlachthof-Erweiterung zu einer Verdopplung der Schlachtkapazitäten auf 250 Tonnen Lebendgewicht je Tag, gefolgt von einer Erweiterung auf 275 Tonnen Lebendgewicht pro Tag im Jahr 2019. Im April 2020 fragte der Konzern erneut eine Erweiterung auf diesmal 405 Tonnen an, was jedoch vom Regierungspräsidium abgelehnt wurde.

Dass die staatlichen Genehmigung lediglich in Tonnen bemessen werden, macht bereits deutlich: die Tiere werden lediglich wie Waren behandelt. Bei einem angenommenen Schlachtgewicht von im Durchschnitt 2 Kilogramm werden in Gudensberg täglich 137.500 Hühner allein jetzt schon geschlachtet.

Eine Schlachtfabrik kommt selten alleine

Der Schlachthof wird von bis zu 400 km entfernten Mastanlagen beliefert. Die Lage direkt an der Gudensberger Auffahrt auf die Autobahn A49 ist daher kein Zufall. Eine große Zahl an Mastanlagen befindet sich jedoch auch im direkten nordhessischen Umland. Die Bürgerinitiative Chattengau gegen Massentierhaltung hat 2017 alle Ställe in einer Karte zusammengetragen, die das Ausmaß der nordhessischen Tierindustrie verdeutlicht.

Hühner-Mastanlagen in Nordhessen (Quelle: Alf Dickhaut)

Neben der Bürgerinitiative Chattengau entstanden eine ganze Reihe von Bürgerinitiativen, die sich gegen den Neubau sowie die Erweiterung von Mastanlagen einsetzen. Insbesondere die Schlachthoferweiterung im Jahr 2014 hat zu einer Protest-Welle geführt. 2018 entstand aus diesem Kontext die Aktionsgemeinschaft Agrarwende Nordhessen , die zum einen konkrete Bauprojekte zu verhindern versucht, und zum anderen gleichzeitig Demonstrationen und Informationsveranstaltungen durchführt.

Druck von Klima- und Tierrechtsbewegung

Radikale Forderungen nach einem Systemwandel in der Landwirtschaft kommen dabei von lokalen Gruppen der Klima- und Tierrechtsbewegung, welche sich in einer nordhessischen Regionalgruppe des Bündnisses „Gemeinsam gegen die Tierindustrie“ zusammengeschlossen haben.

„Landwirtschaft mit Zukunft statt Plukon – Schluss mit der Geflügelfabrik!“

Regionalgruppe Nordhessen des Bündnisses Gemeinsam gegen die Tierindustrie
Solidaritäts-Bekundung des Bündnisses „Gemeinsam gegen die Tierindustrie“ in Gudensberg im Juli 2020 (Quelle: Gemeinsam gegen die Tierindustrie)

Ebenfalls Teil des Bündnisses ist die Gruppe “Klimagerechtigkeit Kassel”. Juri Nadler, ein Aktivist der Gruppe, bettete das lokale Engagement gegen Plukon hierbei in einen größeren Zusammenhang ein: „Die Fleischindustrie beschleunigt Klimakrise und Artensterben, sie verursacht enorme Umweltprobleme, und steht für die Ausbeutung von Bäuer*innen, Arbeiter*innen und Tieren. Damit muss Schluss sein!“

Wie der Übergang vom Modell Plukon zu einer landwirtschaftlichen Alternative aussehen könnte, skizzierte ein Aktivist des “Tierrechtskollektiv Kassel” – auch Teil des Bündnisses gegen die Tierindustrie: „Tierhalter*innen brauchen staatliche Ausstiegsangebote und den Arbeiter*innen müssen mit Umschulungsangeboten sozial gerechte Perspektiven eröffnet werden. Und wenn die Subventionen, die bislang in die Tierindustrie fließen, in den Aufbau einer bedürfnisorientierten, ökologischen und tierleidfreien Lebensmittelproduktion fließen, ermöglicht das gutes und gesundes Essen unabhängig vom Geldbeutel.“

Ob ein solcher Ansatz zukünftig von den Regierenden aufgegriffen wird oder inwieweit es weiteren Druck von lokalen Initiativen braucht, wird sich in der Zukunft zeigen.