Qui d'autre parle déjà de la révolution?


Eine Gruppe von Aktivistinnen bereiste 2019 die Region Nord-/Ostsyrien und liefert Eindrücke aus erster Hand. Seitdem haben sich einige Frontlinien verschoben und die Selbstverwaltungsstrukturen stehen unter ständigen Angriffen durch türkische Proxy-Truppen. Dennoch ist die Analyse derpermanenten Bedrohungdurch die Türkei und diesich ständig verändernden Kräftekonstellationenauch ein Jahr später noch zutreffend. Um diesen feministischen Debattenbeitrag Menschen zugänglich zu machen, veröffentlichen wir ihn hier im Nachgang des 8. mars 2020 in unveränderter Weise erneut als Gastbeitrag.

Ein Gastbeitrag von Gemeinsam Kämpfen: Feministische Delegation Rojava

Es ist eigentlich nicht möglich, einen Status quo zu beschreiben, wenn es um die aktuelle Situation in Nord-/Ostsyrien geht. Die politische Lage gestaltet sich stündlich neu, beinahe im Wochentakt entwickeln sich Strukturen, Räte werden aufgebaut, Initiativen werden begründet. Die permanente Bedrohung der Türkei, die sich ständig verändernden Kräftekonstellationen, lähmen und mobilisieren das Weiterkommen der Gesellschaft in der Region Nord- und Ostsyrien gleichermaßen.

Seit mittlerweile acht Jahren ist Revolution in Nordsyrien. Eine, die langsam vorangeht. Die reflektiert und sich ständig verändert, die immer und überall denen gedenkt, die für sie gestorben sind. Und es ist eine Revolution, die sich mehr und mehr ausbreitet – mittlerweile so weit, dass es angebracht ist, von mehr als einer „kurdischen Revolution in Rojava“ zu sprechen. Mit der Befreiung der arabischen Gebiete von Daesh (IS) bauen sich die Menschen nun auch dort ein demokratisches Rätesystem auf.

Mittlerweile umfasst das Nord- und Ostsyrien; ein von Staat und Islamisten befreites Gebiet, das in etwa die Größe von Hessen erreicht hat. Im Machtvakuum des Krieges ist eine Bewegung zur treibenden Kraft geworden, die inmitten von Zerstörung und Tod eine Rätestruktur aufbaut, die aus vergangenen Revolutionen lernen will. Besonders weil es die Frauen sind, die dieser Revolution den Weg bereitet haben, kann eine Ausgabe, die Feminismus zu Thema hat, nicht ohne sie auskommen.

Reden über feministische Kämpfe unserer Zeit, heißt reden über die Frauenrevolution in der Föderation Nord-/Ostsyrien.

Mit der Situation in Nord-Ostsyrien sind wir in Deutschland vor allem dann konfrontiert, wenn der Krieg vor Ort es in die internationalen Medien schafft. Der Widerstand von Kobane und Afrin hat viele von uns auf die Straße gebracht. Unsere Verbindung zur Situation vor Ort findet in Wellen statt.

Dazwischen bleibt unser Bild von der Revolution immer wieder verschwommen zurück. Oft bewegt es sich irgendwo zwischen sexualisierter Ästhetik der „schönen Frau mit Kalaschnikow“ und skeptischer Distanz, ob es denn wirklich eine Revolution sei, die mit unserem Emanzipationsverständnis vereinbar ist.

Reden über die Revolution heißt dann allzu oft Suche nach Traumbildern, die nicht erreicht werden können.

Wenn sich eine Revolution als Frauenrevolution versteht, dann sollten als erstes auch Frauen gefragt werden, was diese Revolution ausmacht. Zu finden sind sie in ausnahmslos allen Strukturen, die in den letzten Jahren hier aufgebaut wurden. Und davon gibt es eine immense Anzahl unter vielen verschiedenen Fahnen.

Um sich kurz der Dimension der Räte bewusst zu werden: Allein in der Stadt Derik, in ihrer Größe vergleichbar mit Fulda, existieren 42 kommunale Rätestrukturen; in den Dörfern in der Umgebung sind es noch einmal etwa 300. Jeder Rat wird durch einen autonomen Frauenrat ergänzt. In jedem gewählten Co-Vorsitz ist mindestens eine Frau. Hinzu kommt die Organisierung aller Frauen in Kongreya Star, die Koordination in der alle Arbeiten von Frauen miteinander verbunden sind. Jede Frau, die Teil dieser Revolution ist, ist auch Teil der autonomen Organisierung.

Lektionen aus der Geschichte

Ein Einblick in die Rätestruktur und ihre Wandelbarkeit der letzten Jahre würde an dieser Stelle zu viele Seiten füllen. Es sei aber so viel gesagt, dass die Organisierung der Frauen einer der zentralen Schlüssel ist, um die Revolution in ihrem Umfang zu verstehen. Die Lektion aus den Revolutionen der Geschichte ist, dass ohne eine eigenständige Organisierung der Frauen keine grundlegende Gesellschaftsveränderung erreicht werden kann.

Grundlegend in der Frauenbewegung war die Frage, wieso Frauen, die in allen revolutionären Kämpfen und Aufbauarbeiten dabei waren, nicht in der Geschichte auftauchen und Rechte nur geringfügig erkämpfen konnten. Ihre Geschichten, abseits von herausragenden Einzelpersonen, fehlen. Ohne eine eigenständige Organisierung besiegt das Patriarchat den Idealismus der Revolutionärinnen. In und nach geführtem Kampf finden sie sich in die Privatheit der Küche zurückgeworfen. Diese Erkenntnis ist nicht neu, und doch fehlt es allzu oft an der praktischen Umsetzung. Indem sie sich autonome Organisationen schaffen, versuchen die Frauen des Mittleren Ostens, das zu verhindern.

Eine Revolution in der Revolution

Sie kämpfen dabei immer wieder auch gegen die Mentalität der eigenen Genossen. Mit ihrer „Selbstverwaltung in der Selbstverwaltung“ vollziehen sie somit auch eine Revolution in der Revolution. Ein Großteil der Frauen, die heute in den Räten und Initiativen aktiv sind, wurden als Kinder und Jugendliche verheiratet, erfuhren durch die Männer um sie herum Gewalt. Viele über 40 Jahren lernen jetzt erst schreiben. Ihre Identität als Frauen in Zeiten des syrischen Regimes beschreiben einige als quasi nicht existent. Ihr Leben war ein Leben für den Mann. Dass vor diesem Hintergrund 70-jährige Großmütter gemeinsam mit jungen Frauen bewaffnet für die Sicherheit der Nachbarschaft und Bevölkerung sorgen, Grenzposten kontrollieren und Räte leiten, ist ein Bruch, der in seiner Radikalität kaum zu übertreffen ist.

Mit jedem Kampf, der durch Frauen gegen den Feind geführt wurde, hat sich auch die Gesellschaft geändert, beschreibt es eine Kommandantin der YPJ. So offensichtlich diese Veränderungen sind, sie täuschen nicht darüber hinweg, dass eine stark patriarchale Gesellschaftsstruktur sich nicht von einem auf den anderen Tag verändert, weder hier noch an anderen Orten.

Patriarchale Denkweisen, in enger Verbundenheit mit dem Staat, treten unterschiedlich zu Tage und wirken doch überall. Für die Befreiungsphilosophie der Frauen in Nord-/Ostsyrien ist es deswegen zentral, dass ihre Revolution universal ist. Aus ihrer Sicht sind sie als Frauen nicht frei, solange auch nur eine unterdrückte Frau auf der Welt existiert. Deshalb sehen sie den Kampf gegen die Unterdrückung von Frauen als einen weltweiten an. Allein ist gegen das Patriarchat kein Ankommen, die liberalen Kämpfe der Gegenwart und Vergangenheit zeigen das auch bei uns mehr als deutlich. Organisierung heißt dann, einen gemeinsamen Willen zu entwickeln, der innerhalb und außerhalb artikulierbar ist.

Reden über Revolution heißt Reden über autonome Frauenorganisierung.

Dass eine solche Revolution, nicht allein durch ihre Form bestehen kann, zeigt sich in Nord/-Ostsyrien auf allen Ebenen. Auch eine Struktur, die basisorientientiert aufgebaut ist und sich permanent reflektiert, kann Angriffen nicht auf Dauer Stand halten, wenn sie nicht in ihren Methodiken und Persönlichkeiten revolutionär ist.

Staat und Patriarchat sind tief in unser Bewusstsein eingeschrieben, so dass auch die demokratischste Bewegung immer Gefahr laufen muss, Herrschaft zu reproduzieren. Auch das ist ein historischer Lernprozess, den die Bewegung in Syrien vor allem aus der russischen Revolution zieht: Allein die Überwindung staatlicher Strukturen ist kein Garant dafür, nicht die nächste Staatsmacht zu werden.

An vielen Punkten werde sich in den nächsten Jahren entscheiden, welche Richtung die Entwicklungen in Nordsyrien gehen, beschreiben es die Freundinnen. Auch gegen Dogmatismus müsse sich die Bewegung selbst verteidigen können.

Bildung als fester Bestandteil

Auch deshalb wird Bildung für die Weiterentwicklung der Revolution immer wieder als essenziell betont. Dazu kommen so zentrale Methoden der Bewegung wie Tek Mil (Kritik und Selbstkritik), das sowohl in allen militärischen, wie auch zivilen Arbeiten angewendet wird. In jeder Struktur der Selbstverwaltung sind regelmäßige Bildungen Teil der Arbeitszeit. Weiterhin gibt es offene Bildungen, an denen alle, die wollen, teilnehmen können.

Der Revolution liegt die grundlegende Überzeugung zu Grunde, dass ein kollektives Zusammenleben zwischen gleichwertigen Geschlechtern und Völkern, für jede Beziehung wieder zentral werden muss. Letztlich geht es immer auch um Freundschaft – Hevaltî.

Zentrale Referenz ist und bleibt Abdullah Öcalan, einer der PKK-Begründer, auf dessen Schriften sich hauptsächlich bezogen wird. Die ideologische Weiterentwicklung und praktische Reflektion innerhalb der Frauenbewegung liegt allerdings mittlerweile vor allem in der Jineolojî, der Wissenschaft der Frau. Sie ist der organisierte Versuch eben jene Geschichte der Frauen erfahrbar zu machen, die im System zerstört wurde und sie für die Praxis nutzbar zu machen. Diese Geschichte ist eine kommunale und gemeinschaftliche. Sie wurde immer durch Frauen verkörpert, im System von Staatlichkeit, Patriarchat und Kapitalismus aber langsam zermürbt. Die Hexenverbrennungen vergangener Jahrhunderte sind darin einer der brutalsten Angriffe. In der kurdischen Befreiungsideologie ist deswegen die Befreiung der Gesellschaft nur durch die Befreiung der Frau möglich.

Reden über die Revolution heißt deswegen auch Reden über gemeinsame Geschichte.

Revolution als langwieriger Prozess

Die gesellschaftlichen Widersprüche bestätigen immer wieder, wie langwierig die Arbeiten sind. Die Föderation Nord/-Ostsyrien ist ein junges Projekt. Die Doppelbelastung für Frauen von Haushalt und Politik sind alltäglich. Nur wenige Männer scheinen in der Lage zu sein, sich für Kochen oder Kinderbetreuung vom Fleck zu bewegen. An westlichen Schönheitsidealen kommen vor allem die jungen Frauen nicht vorbei. Europa gilt vielerorts als Symbol der Freiheit. In den Doppelspitzen der Vorsitze müssen sich Frauen immer wieder aus dem Bild der Sekretärin herauskämpfen. Müll wird aus den Fenstern der Autos geworfen. Gefördertes Öl verhindert immer wieder eine Erholung der kommunalen und privaten Felder. Und ja, ungleich verteilten Privatbesitz gibt es auch noch.

Die Frauenrevolution lehrt uns aus diesen Widersprüchen etwas sehr Grundlegendes: Nämlich dass eine Revolution nichts ist, was sich einmal erreichen lässt. Sie kann nicht heute theoretisch ausformuliert und morgen das gelebte Paradies sein. Nicht nur dort braucht es eine Vielzahl kleiner Revolutionen – in jedem Haushalt, jeder sozialen Beziehung, damit sie auf Dauer bestehen kann.

Die gesellschaftlichen Strukturen und Systeme in Nord-und Ostsyrien haben sich auf allen Ebenen zahlreiche Male verändert. Eine Polizeistruktur Asayish wurde begründet, bestehende Machtverhältnisse von Clans als gesellschaftliche Realität toleriert, taktische Bündnisse mit militärischen Gegnern geschlossen, eine Wehrpflicht für den gemeinsamen Kampf eingeführt. In diesem Sinne ist die Revolution in Nord/-Ostsyrien keinesfalls eine Bilderbuchrevolution, die mit einem Mal ein ganzes System zum Einsturz bringt. Sie passt sich der gesellschaftlichen Realität an und formt sich daraus – das scheint ihren Erfolg auszumachen.

Skepsis bei den Männern

Gav bi gav, Schritt für Schritt, scheint die Formel jeder Bemühung zu sein. In unzähligen Sitzungen und Gesprächen arbeitet sich die Revolution langsam voran. Es wäre naiv, davon auszugehen, die ganze Bevölkerung der Region habe nur auf die Befreiung durch die kurdische Bewegung gewartet.

Ohne Frage gibt es Vorbehalte und Skepsis, auch wenn die – Überraschung – bei den Männern deutlich stärker sind als bei den Frauen, vor allem in den arabischen Gebieten. Und doch wurde in einer enorm kurzen Zeit ein widerständiges und komplexes Frauensystem der Selbstorganisation aufgebaut, das versucht in allen gesellschaftlichen Bereichen ein gemeinsames Zusammenleben und Infrastruktur zu gewährleisten. Ein großer Teil der Frauenbewegung ist in dem Sinne undogmatisch, als dass es genau diese Prozesshaftigkeit ist, auf denen die Revolution hier aufbaut.

Reden über Revolution heißt auch Reden über gesellschaftliche Realitäten.

Und unsere Kämpfe? Wer redet da schon noch von Revolution? Der Neoliberalismus hat schließlich auch uns gelehrt: Diese grundlegende Veränderung der Gesellschaft, die wir eigentlich alle so dringend bräuchten, ist eine bloße Traumvorstellung. Vor 100 Jahren wurde darum vielleicht noch erbittert gekämpft, für unsere Politik heute spielt es aber kaum eine Rolle. Diese versucht stattdessen, mehr oder minder erfolgreich, die tagtäglichen Angriffe abzuwehren, die uns der Staat entgegenwirft. Politik muss sich unterordnen, wenn es um das Überleben im System geht – erst die Miete, der Job, die Beziehung, dann die Politik. Die Revolution ist noch immer mit einem Bilderverbot belegt, das uns daran hindert, strategische Schritte zu gehen. Stattdessen zermürbt sich der Glaube an Veränderung in endlosen Plena über Nichtigkeiten.

Unser Pessimismus scheint angebracht, angesichts der zunehmenden Faschisierung in Europa. Bisher haben wir keine ernstzunehmende Alternative, auch wenn wir vielerorts beginnen, die Politik der vergangenen Jahrzehnte zu reflektieren. Das ist notwendig und gut, auch wenn eine solche Neuorientierung viel Kraft erfordert.

Wir müssen wieder lernen, dass auch wir Neues erschaffen können. Vielleicht gilt es gerade deswegen, von den Entwicklungen in Nord-/Ostsyrien zu lernen und über diese Frauenrevolution als Revolution unserer Generation zu reden.


Dieser Beitrag erschien anlässlich des 8. mars 2019 in der Drucksache der Dezentrale.